Bitte nicht nochmal von vorne

​Miu sitzt allein auf dem grünen Stuhl und schaut die Ärztin an. Sie erklärt ihm was sie machen will,  und Miu macht alles mit. Gesicht und Hals abtasten. Ohren gucken. Mund auf. Abhören lassen. 

„Alles mit Bravour gemeistert.  Super, mein Großer“ lacht sie und wuschelt ihm durch die Locken. 

Ich weiß was sie denkt. Es war nicht immer so. 

Wir reden über einen Spezialisten,  als sie unvermittelt sagt „Dann fangen wir wieder von vorne an“. Wir sehen uns in die Augen,  wir wissen was sie meint.  Während Miu seine eroberte Schokolade betrachtet. Mit dem Spielzeug – Marienkäfer an der Tür spielt. Sie senkt den Blick zurück auf den Monitor. 

Was keiner in diesem Moment weder sieht noch hört, ist, wie etwas in mir in tausend Scherben zerspringt. 
Es war nicht immer so. 

Ich will keinem Arzt die Schuld zuweisen. Das liegt mir fern. Ich will keinen an den Pranger stellen. Doch wenn ich in meinen Erinnerungen zurück geh,  bleib ich immer wieder an einem Punkt hängen,  an dem mein Sohn eine „Abneigung“ gegenüber Ärzten entwickelte. 
Ab da war jeder Arzttermin die Hölle. 

Schon im Wartezimmer hieß es ‚Komfortzone Mama‘ und wehe es guckte einer komisch. In meinem Arm verkrochen guckte er verstohlen in die Welt des Wartezimmers. 
Freiwillig bezogen wir schon immer dem Einzelplatz direkt vor dem Ärztezimmer. Einen Schritt über die Schwelle und Miu schrie. Abhören,  abtasten,  jede Unterhaltung wurde begleitet von einem schluchzten bisher zum schreienden Miu. Guter Rat war teuer, denn keine Ablenkung, kein gutes Wort, kein Trost half. 

Einen Schritt raus aus dem Zimmer,  und alles war vergessen und Miu erzählte wie ein Wasserfall. 

Circa 8 Wochen sind seit der letzte Untersuchung mit diesem Ablauf vergangen. 

Es war ein sehr hartes Stück Arbeit. Seitens der Ärztin,  seitens von mir.  Doch wir fanden gemeinsam, ohne das wir hätten uns absprechen müssen, einen Weg,  der…. Ja was?!,  einen Weg zu Miu um ihm die Angst zu nehmen. 
Wann immer wir der Ärztin begegnen,  sie berührt ihn,  begrüßt ihn.  Ihr Hund wartet auf Streicheleinheiten. Sie lädt uns ein die Schäfchen zu besuchen. Nimmt Miu an die Hand,  um ihm die Schafe und den Stall zu zeigen. Raus aus der Komfortzone Mama. Rein in ein zartes Vertrauen zu ihr. Mit Kinderbüchern zeigte ich ihn,  was die Ärzte alles machen. Teddy war regelmäßig unser kleiner Patient. Noch immer besprechen wir im Wartezimmer was die Ärztin alles machen wird. Kein drängen,  kein nötigen,  kein Zwang. Viel Liebe,  Gefühle,  Geduld und Einfühlungsvermögen beachten uns an unser Ziel. 

Ihr lasse ihr freie Hand,  bin aber immer als Auffang für Miu zur Stelle. 
So ging er heute an meiner Seite ins Zimmer (früher: auf meinem Arm,  fest an mich geklammert) und setzte sich auf den Stuhl (noch vor wenigen Tagen auf meinem Schoss). Sie erklärt ihm was sie machen will,  und Miu guckt sie mit großen Augen an, macht alles mit. Gesicht und Hals abtasten. Ohren gucken. Mund auf. Abhören lassen. Noch Anfang der Woche hatte ich Miu auf dem Arm und die Untersuchungen fanden so statt. 

Zu einem Spezialisten?!  Ich wusste das der Tag kommen würde. 
Was soll ich sagen?  Jemand,  der sich aus Zeitgründen nicht darauf einstellen mag oder kann, dass Miu hochsensibel ist und Ärzte ihm Angst machen. Jemand, der eine schmerzhafte Untersuchung durchführen muss. Jemand, der uns um Wochen zurück werfen kann/wird.  
Und in Gedanken bin ich traurig,  tief traurig, voller Sorge. Frage mich, ob da nicht mal einer Mut zusprechen kann, meine Ängste nimmt…. Und fresse alles in mich hinein. 

Ich atme tief durch. 
Dann heißt es ’nochmal von vorne‘. 

„Ich werde dir,  mein Sonnenschein, immer und immer wieder unermüdlich meine Hand reichen, damit du die Welt nicht alleine meistern musst. Egal wie oft wir ’nochmal von vorne‘  starten müssen. Das Versprechen gab ich dir vor langer Zeit. Das Versprechen gilt bis mein Licht erlischt.

Deine Mama“

Eine nachdenkliche Polarbärin,

…. die stolz auf den kleinen Sohn ist, der die Welt erkundet und die Komfortzone Mama immer häufiger verlässt 

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